Festspielhaus Hellerau

WISH I WAS YOU!

Fast ein bisschen linkisch und unsicher wirkt er auf der Bühne, ein 60-Jähriger, noch immer mit einem super Body, gepanzert mit einem noch muskelbepackteren Torso-Abdruck, als müsste er sich schützen gegen zu intime Blicke oder den eigenen kritischen Blick. Nach fast 30 Jahren steht er zum ersten Mal wieder selber als Tänzer auf der Bühne: Rui Horta, so etwas wie der Vater des zeitgenössischen Tanzes in Portugal, der gleich mehrere Generationen von Choreografen und Choreografinnen, Tänzer und Tänzerinnen geprägt hat, jetzt tanzt er noch einmal selbst – Rückschau oder doch eher die Komprimierung auf die Essenz eines Lebens mit und für und durch den Tanz. Eine persönliche, fast private, intime Geschichte. Als ich Rui Horta bei der Premiere seines Stückes in Guimarães/Portugal sah, dachte ich: „Wish I was you“ – es ist ein wunderbares Privileg, die eigene Geschichte so erzählen zu können! Und so sind sie alle, die Geschichten bei Me, Myself and I, unserem Festival aus Solos und Duos. Es beginnt mit dem Solo Like an Idiot von Cristina Moura aus Brasilien: ein bewegend radikales Statement, Zwischenbilanz eines Lebens, wie sie persönlicher und schonungsloser auf der Bühne nicht sein könnte. Da ist Avatâra Ayuso, die mir von ihren Begegnungen in Alaska mit den Inuit-Frauen so eindringlich erzählte, dass ich am liebsten sofort den Koffer packen und mit kommen wollte. Seit mehreren Jahren ist sie bei uns assoziierte Choreografin, sie hat unglaubliche Projekte zum Beispiel in Kuba und Mali umgesetzt. Für dieses Festival hat sie ein Duo mit einer Inuit-Tänzerin erarbeitet, das hier uraufgeführt wird. Ausgangspunkt des Stücks von Meryem Jazouli aus Casablanca ist die Guedra, ein traditioneller Tanz der Nomadenfrauen der Saharastämme Marokkos und Mauretaniens. Die Guedra wird nur auf Knien getanzt. Gemeinsam mit der großartigen Sängerin Malika Zarawar arbeitete Meryem Jazouli an Folkah!, im vergangenen Jahr waren die beiden in einer Residenz in HELLERAU. Wir waren von dem Ergebnis der einwöchigen Residenz so beeindruckt, dass wir sie zu diesem Festival eingeladen haben. Ein zeitgenössisches Stück, inspiriert aus uralten Traditionen der Sahara!

Kaori Ito war viele Jahre Tänzerin bei Alain Platels les ballets C. de la B. 2011 zeigte sie in HELLERAU The Island of no Memories. Diesmal steht sie gemeinsam mit ihrem Vater Hiroshi Ito, , einem Bildhauer, auf der Bühne – ein schonungsloser Dialog über ein schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis, manchmal schockierend unsentimental analysierend, manchmal zärtlich melancholisch, da sind Spott und Enttäuschung, Warten und Fordern, Kunst, die immer davon bedroht ist, wie ein Kartenhaus zusammen zu fallen, und eine Verbindung, die nicht gelöst, aber auch nicht aufgelöst werden kann. Akram Khan-Fans werden sie in Erinnerung haben, Kristina und Sadé Alleyne, Zwillingsschwestern und furiose Tänzerinnen. In A Night’s Game erzählen sie, von Einsamkeit, Kampf, vom Unterlegensein und der kurzen Dauer des Sieges – und das in atemberaubenden Tanzbildern, mitreißenden Bewegungen zu einem Soundtrack, der kein Aufatmen und Anhalten zulässt. Auch Mohammed Toukabri, der aus Tunesien stammt und in Belgien lebt, erzählt seine ganz persönliche Geschichte, davon, wie es sich lebt zwischen zwei Kulturen, zwei Ländern, zwei Sprachen und vielen Identitäten. Einer, der sich nicht als Migrant fühlt, weil das Unterwegssein sein Zuhause ist, weil er nirgendwo hinkommt, wo er nicht wieder weg geht. Er erzählt davon, wie er am Gare du Barcelone in Tunis zum ersten Mal Urban Dancers auf der Straße gesehen und das sein Leben verändert hat, und wie es ist, Muslim und Tänzer zu sein. Panaibra Gabriel aus Mosambik ist auch einer, der seit einigen Jahren fest mit unserem Haus verbunden ist und sein Solo als Uraufführung nach HELERAU bringt. Auch seine Geschichte wird sehr persönlich und sich von allen anderen unterscheiden. Wie wird man Choreograf und Tänzer in Mosambik, einem Land, das durch einen endlosen Bürgerkrieg zerstört ist, ohne große Chancen und Strukturen, ohne Vorbilder und Rückhalt?

Me, Myself and I variiert das narrative Potential von Solos und Duos, in denen die Tanzenden identisch mit den Choreografierenden sind und ihre eigenen Geschichten tanzen. Nur so können sie überzeugend und glaubhaft, inspirierend und bewegend sein. Me, Myself and I ist fokussiert wie ein Brennglas auf das Eigene, öffnet sich wie ein Bilderbuch für sehr persönliche Geschichten aus sehr unterschiedlichen Kontexten und Kulturen.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden