Festspielhaus Hellerau

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May B ( vielleicht ) Poesie, (wahrscheinlich) einfach nur Menschlichkeit

von Dieter Jaenicke

May B ( vielleicht ) Poesie, (wahrscheinlich) einfach nur Menschlichkeit

Sie kommen daher wie die abgedrehte Truppe aus Miloš Formans Einer flog übers Kuckucksnest oder direkt aus Dantes Inferno. Sie könnten Gestrandete aus einem Flüchtlingsboot in Italien oder an einem Hochsicherheitszaun an der ungarischen Grenze oder an Mauern in Mexiko oder Israel sein. Eine wirre und irre Schar menschlicher Überbleibsel in einer zutiefst erschütternden und zugleich zärtlich-leichten Endzeit-Ode. Die zehn Figuren auf der Bühne schnaufen, tanzen, rücken ver-rückt choreografische Perspektiven zurecht, streiten und streicheln, verlieben sich, bekriegen sich und bewegen sich in einer um jeden Preis aufeinander angewiesenen hypothetischen Gemeinschaft und Gemeinsamkeit.

Mit May B ist Maguy Marin, einer der großen Choreografinnen des zeitgenössischen französischen Tanzes, ein zeitloser Klassiker des Tanztheaters gelungen: verstörend, verwirrend, zum Verlieben schaurig und schön, eine tiefe Verbeugung vor dem absurden Theater, das mit diesem Stück Einzug auf die Tanzbühne hält. Maguy Marin wurde 1951 in Toulouse geboren, ihre spanischen Eltern waren vor dem Franco-Regime nach Frankreich geflüchtet. Die Fluchterfahrung ihrer Familie hat sie tief geprägt. Sie studiert klassisches Ballett in Toulouse und Paris, wird Mitglied von Maurice Béjarts berühmter École Mudra und tanzt später in seinem Ballet du XXe Siècle. 1980 übernimmt sie zusammen mit ihrer Kompanie die Leitung des Centre Chorégrafique National de Créteil. 1981 begründet sie mit May B ihren Weltruhm. Viele Choreografien und berufliche Stationen folgen. Heute lebt und arbeitet sie wieder in ihrem Heimatort Toulouse. Sie leitet das von ihr gegründete interdisziplinäre RAMDAM Centre des Arts, ein experimentelles Labor und Kommunikationszentrum für Künste und soziale Projekte. 2016 wurde Maguy Marin von der Tanzbiennale Venedig für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Viele wichtige Choreografinnen und Choreografen sind von ihr beeinflusst, wie die Brasilianerin Lia Rodrigues, die noch in der ersten Fassung von May B mittanzte (und in HELLERAU bestens bekannt ist) oder das derzeitige Enfant terrible des französischen Tanzes Olivier Dubois (dessen Arbeit auch schon in HELLERAU zu sehen war). Maguy Marin interessiert sich für die existentiellen Themen des Menschseins, klassische Sujets wie Othello oder Coppelia finden sich darin ebenso wie radikal aktuelle Projekte, z. B. Umwelt aus dem Jahr 2005. Die konsequente Grenzüberschreitung zwischen den Kunstgenres, ein starker Einfluss des absurden Theaters und der Bildsprache des polnischen Theaters von Kantor und Wiśniewski, eine ständige Spannung zwischen grotesk überzeichneter Individualität und der ästhetischen Verschmelzung in raumgreifenden Gruppenchoreografien zeichnen ihre Arbeit aus. In der französischen Tanzszene nimmt Maguy Marin mit ihrer Tanzsprache, ihren radikalen Themen und ambitionierten Projekten eine einzigartige Stellung ein.

Ich habe May B zum ersten Mal in den 80ern in Frankreich gesehen und in den 90ern in Kampnagel in Hamburg veranstaltet. Als ich das Stück vor zwei Jahren erneut gesehen habe, war ich überwältigt, wie dieses Meisterwerk womöglich noch an Kraft gewonnen hat. Nun eröffnet May B die letzte Phase unserer Arbeit in HELLERAU. Wäre ich ein Dramaturg, würde ich wahrscheinlich sagen, dass dieses großartige Stück noch nie so aktuell wie heute war. Tatsächlich ist für mich das Entscheidende die Zärtlichkeit und Liebe, mit der Maguy Marin ihre Figuren ausstattet, die überbordende Sturheit, mit der sie in einer disparaten Welt an einer unbestimmten menschlichen Hoffnung festhalten. Für HELLERAU, das ein anderer Franzose, nämlich Paul Claudel, vor über 100 Jahren als „Laboratorium einer neuen Menschlichkeit“ bezeichnete, ein angemessenes Stück, um das Jahr 2018 zu beginnen.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden

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