Festspielhaus Hellerau

Sept/Okt 2013 – Nett zu sein bedarf es wenig...

Dieter Jaenicke

Grußwörter und Editorials werden häufig überblättert. Umso erstaunlicher ist für mich, wie oft ich in den letzten Monaten schulterklopfende Kommentare über Grundrechnungsarten und skeptische Anfragen, was ich mir denn als nächstes vornehmen würde, zu hören bekam. Sogar eine Dame aus der Kulturverwaltung München sprach mich auf meine Editorials mit dem Hinweis darauf an, dass so was in Bayern nicht möglich wäre – da würde man mindestens zum Kulturdezernenten, wenn nicht zum Oberbürgermeister zitiert werden. Naja, dass man in Bayern demokratische Spielregeln etwas traditionsbewusster interpretiert, ist bekannt und eine Einladung vom Münchner OB fände ich ja grundsätzlich prima (was bitte sehr nicht parteipolitisch zu interpretieren ist!). Auch eine gute Freundin, die sich noch an meine strategisch wenig stilbildenden kulturpolitischen Attacken aus meiner Hamburger Zeit erinnert, beschwor mich geradezu, doch bitte beim nächsten Mal was „Nettes“ zu schreiben.

Dann erzähle ich also diesmal was Nettes, Schönes: Die LINIE 08-Veranstaltung im Juni in HELLERAU war so etwas. Meistens findet LINIE 08 – das HELLERAU-Format für die freie Tanzszene in Dresden – in Verbindung mit anderen Veranstaltungen statt und dann sind viele Menschen im Haus. Im Juni war LINIE 08 ganz allein im Haus. Es war einer der ersten vorsichtigen Möchtegern-Vorsommerabende nach einer anstrengenden Flutwoche, eine kleine Gemeinde von Tanz-Unentwegten war gekommen. Aber auf ganz eigene Weise verloren sie sich nicht in dem großen Haus, es entstand eher ein Gefühl von verschworener Gemeinschaft – und es war ein richtig guter Abend.

Mit großer Sensibilität für Raum und Programmablauf führte die freie Szene ihr Publikum durch verschiedene Räume im Haus, kontrastierte völlig unvereinbare stilistische und konzeptionelle Herangehensweisen zu einem überraschenden Konzept aus Gegensätzen und thematischen Gemeinsamkeiten. Im anschließenden Gespräch mit Wein, Bier und viel Lachen entstand eine sehr offene, entspannte Atmosphäre, ein praktisches und überaus sympathisches Exerzitium aus Improvisation und Ernsthaftigkeit. Ich war richtig froh, dass wir die LINIE 08 im Hause haben („Froh zu sein bedarf es wenig ...)* HELLERAU steht eben auch für das Lokale, das Fragile, das sich noch mit sich selbst ausprobiert – und auch das kann berührende künstlerische Erfahrungen für Künstler und Publikum schaffen.

Neuigkeiten aus dem Imperium: Ab August wird im Westflügel HELLERAU gebaut – im Frühling sollten dann die ersten zehn Künstler-Apartments fertig sein. Und – man höre und staune – der Ostflügel soll ein Sicherungsdach bekommen. Darüber, dass dafür der HELLERAU-Förderverein seine Konten restlos abgeräumt hat, um die Stadt Dresden bei der Erfüllung Ihrer denkmalschützenden Aufgaben zu unterstützen, will ich aus Gründen der Nettigkeit hier nicht öffentlich reflektieren, sondern dem Förderverein dafür herzlich danken. Also: wir bewegen uns, in der Stadt bewegt sich was – alles wird gut – irgendwann! Auf dem Weg dahin wäre es sehr nett, wenn Sie, verehrtes Publikum, uns die Treue halten, neue Freunde mitbringen und gemeinsam mit uns viel Spaß hier oben in HELLERAU haben.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden