Festspielhaus Hellerau

Okt/Nov 2017 – Eine Mammutaufgabe

Dieter Jaenicke

Was uns weiter bringt, ist der Mut neue Wege zu gehen, das Bekannte zu verlassen, das Unbekannte zu denken und auszuprobieren. Das gilt für Wissenschaftler genauso wie für Seefahrer, Unternehmer, IT-Tüftler, Politiker und natürlich für Künstler. Die Utopie auf den Boden der Tatsachen zu holen, ist das eigentliche Wagnis. Hellerau und das Festspielhaus sind so und nur deshalb und nur dafür entstanden. Viele haben daran vor über 100 Jahren mitgewirkt — eher nicht als Kollektiv, sondern als kompliziertes Beziehungsgeflecht grandioser Individualisten und Visionäre — mit einem gewissen Hang zum Drama (im wahrsten und vielfältigen Sinne des Wortes): der Unternehmer Karl Schmidt, sein kongenialer Partner Wolf Dohrn, die Architekten Heinrich Tessenow und Richard Riemerschmid, Émile Jaques-Dalcroze, Adolphe Appia, Alexander von Salzmann und natürlich viele mehr. Viele große Namen wurden in der Folge mit den utopischen Entwürfen dieser Männer assoziiert oder haben sich davon anlocken und verlocken lassen: Paul Claudel, Franz Kafka, Rainer Maria Rilke, Bernhard Shaw, die Wigman und der Nijinski, die komplette Riege der ersten Bauhaus-Architekten, Alexander S. Neill und Oskar Kokoschka, der abgedrehte Walter Spies trug die Utopie nach Bali, andere bis nach Indien — vieles ist belegt, mindestens genauso vieles gehört eher in den Bereich hartnäckiger historischer Gerüchte. Unumstritten ist: Das Festspielhaus Hellerau war kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein wahres Zukunftslabor, ein Magnet für Künstler, Literaten, Intellektuelle, Tänzerinnen und Tänzer aus ganz Europa.

Die Rollen, die Schmidt, Dohrn, Tessenow und Dalcroze dabei spielten, sind vielfach dokumentiert, beschrieben, ausgestellt worden. Die Schöpfer der wirklich bahnbrechenden Innovation, dem völlig neuen Bühnen- und Lichtraum im Festspielhaus, Adolphe Appia und Alexander von Salzmann, wurden dagegen viel zu wenig gewürdigt. Tatsächlich aber haben der Bühnenbauer und Bühnenbildner Adolphe Appia und der Künstler und Lichtgestalter Alexander von Salzmann mit dem Großen Saal des Festspielhauses nicht weniger als den Prototyp einer neuen Theaterbühne des 20. Jahrhunderts geschaffen, das szenische Areal für das Theater der Moderne völlig neu vermessen und gestaltet. Keine Geringeren als Max Reinhardt, Peter Brook, Robert Wilson und William Forsythe wurden von diesem Raum inspiriert. Gesehen hat diesen legendären Bühnenraum aber niemand, der heute noch lebt. Deshalb machen wir uns nun daran, diesen utopischen Theater- und Lichtraum, der für die Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts so prägend war, zu rekonstruieren. Eine Mammutaufgabe, die ein Produktionszentrum mit einem kleinen Team eigentlich völlig überfordert. Aber wir wollten ihn selbst sehen, diesen legendären Theaterraum ohne Fluchtpunkte, das schattenfreie Licht von von Salzmann. Mehr als zwei Jahre haben wir recherchiert, die kompetentesten Wissenschaftler als Partner gewonnen, große Persönlichkeiten des Theaters und Tanzes dazu eingeladen, den rekonstruierten Raum wieder zu dekonstruieren. Wir haben viele leuchtende Augen von Wissenschaftlern und Theaterleuten gesehen, wenn wir erzählten, dass wir diesen Bühnen- und Lichtraum noch einmal nachbauen.

Das heutige Konzept HELLERAUs wurde von uns nicht frei erfunden, sondern aus der mächtigen Geschichte dieses Hauses in die Gegenwart transformiert. Das Festspielhaus ist für die Bewegung und ihr Verhältnis zur Musik gebaut worden; dafür wurde ein Haus, ein Theaterraum, eine Bühne entworfen, die von vielen Choreografen aus aller Welt als ideal für die Performing Arts des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird. Das ist eine tiefe Verbeugung vor der Größe der Utopie und Vision ihrer Begründer und eine Verpflichtung für diejenigen, die heute in diesem Haus arbeiten. Kein politisches Gremium, keine künstlerische Leitung sollte sich erlauben dürfen diesen Auftrag in Frage zu stellen oder umzudeuten. Das Festspielhaus Hellerau ist zu allererst ein Haus des Tanzes, ein Haus für Utopien und Experimente und ein Laboratorium für internationale Begegnungen. Wir laden Sie ein, diesen legendären Bühnen- und Lichtraum mit uns zusammen zu erkunden und zu erfahren. Wir eröffnen damit im Freistaat Sachsen auch die Feierlichkeiten, Festivitäten und Festivals zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum 2019. Denn hier im Festspielhaus kamen sie ja alle zusammen, die Le Corbusiers und Gropius’ und Mies van der Rohes, noch bevor sie sich und ihre architektonische Vision Bauhaus nannten. Wir danken allen Partnern und Förderern, die uns dabei helfen und unterstützen diesen Traum — oder besser: diese Utopie — Wirklichkeit werden zu lassen.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden