Festspielhaus Hellerau

Okt 2012 – Tonlagen

Dieter Jaenicke

Wie funktioniert der Entstehungsprozess eines Ensemblestückes? Wie klingen Sheng, Erhu oder Pipa? Was ist Zen-Funk? TonLagen – Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik gibt Antwort.

Im Zentrum des diesjährigen Festivals steht ein Komponist, Musiker und Denker, der mit seinem Werk wie mit seiner Person für die Überwindung musikalischer und gesellschaftlicher Konventionen steht: John Cage wäre am 5. September 100 Jahre alt geworden. Er beeinflusste die Kunst und die Künstler des 20. Jahrhunderts, eröffnete neue Kompositions-, Denk- und Freiräume – und war nicht zuletzt leidenschaftlicher Pilzesammler.

TonLagen hat Musiker, Performer, Choreografen, Schauspieler und Tänzer eingeladen, seine Werke in allen Räumen des Festspielhauses zu interpretieren. Vom Komponisten und Musiker Manos Tsangaris mit spielerischem Hintersinn zu einer Gesamtkomposition zusammengeführt, eröffnen sich neue Sichtweisen auf Musik und Denkansätze des großen Unangepassten. Mit dabei: die Dresdner Philharmonie, Jan Vogler, das Ensemble ConTemp o Beijing, der große portugiesische Choregraf Rui Horta und viele andere. Eröffnet wird TonLagen durch eine Uraufführung des Teams Daniel Kötter und Hannes Seidl. Ihre neueste Arbeit zwischen Performance, Konzert und Videodokumentation setzt den Entstehungsprozess eines Ensemblewerkes in Szene. Das Stück IST sein eigenes Werden.

Der griechische Komponist Jani Christou zählt zu den interessanten Wiederentdeckungen in der zeitgenössischen Musik. Seinen ganz eigenständigen musikalisch- performativen Konzepten widmet courage – Dresdner Ensemble für zeitgenössische Musik ein Porträtkonzert. Mit ConTempo Beijing ist ein weiteres aufregendes Ensemble bei TonLagen zu Gast. Diese Klänge hat das Festspielhaus so noch nie gehört: Auf klassischen chinesischen Instrumenten spielen die Musiker neueste Werke von Komponisten aus ihrer Heimat.

Patrick Frank, der mit seinem Projekt Limina 2007 das HELLERAUER Publikum begeisterte, komponierte die zweite Musiktheateruraufführung des Festivals. Wir sind außergewöhnlich unterzieht den Bedeutungswandel des Außergewöhnlichen einer ebenso pointierten wie witzigen Betrachtung. Mit seinem Zen-Funk-Quintett Ronin verschmilzt Nik Bärtsch Funk, Jazz, neue Klassik und Klänge der japanischen Ritualmusik zu einem eigenen Stil – eine der interessantesten Erscheinungen der jüngeren Jazzszene! Der Berliner Klarinettist Theo Nabicht hat vier seiner besten internationalen Kollegen eingeladen, um der Kontrabassklarinette die Ehre zu erweisen: Mit neuesten Kompositionen, darunter zwei Uraufführungen, demonstriert das Quintett die musikalische Bandbreite dieses ungewöhnlichen Instrumentes. Knuckleduster, das sind Robert Lippok, Mitbegründer der legendären Bandprojekte Ornament & Verbrechen und to rococo rot, und Debashis Sinha, Perkussionist und Star der Weltmusikszene – elektronische Musik vom Feinsten! Der Club Hellerau hat zum TonLagen-Finale Christian Promm er und seine Drumlessons Band eingeladen. Und ganz zum Schluss legt Mike Huckaby, einer der ganz Großen aus der Detroiter House-Szene, auf. Eine Konzertinstallation mit Werken aserbaidschanischer Komponisten, das Jahreskonzert der Komponistenklasse Dresden, eine Radiokunst- und eine KlangMusik- PreisLounge, Schulprojekte zu John Cage, Künstlertalks und anregende Gespräche im Festivalzelt ergänzen das schier unerschöpfliche Spektrum zeitgenössischer Musik.

Und auch nach TonLagen geht es gewohnt aufregend in HELLERAU weiter: Wir freuen uns, das neueste Stück von Constanza Macras/Dorky Park zu Gast zu haben. Open for Everything eröffnete die diesjährigen Wiener Festwochen und sorgte damit für viel Gesprächsstoff. Die Lesereihe präsentiert diesmal Sibylle Lewitscharoff. Dienstagssalon und Feature Ring bringen auch nach TonLagen Musik ins Festspielhaus. Norton.commander.productions. recherchieren weiter skurril zu den X Geboten. Und die Baal-Inszenierung des St. Petersburger Komissarzhewskaja- Theaters ist der Auftakt des Festivals „St. Petersburger Theaterspielzeit in Dresden“. Wir wünschen Ihnen einen spannenden Herbst in HELLERAU!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden