Festspielhaus Hellerau

Nov/Dez 2016 – "No News from Dresden"

Dieter Jaenicke

Ich war mit einer kleinen Gruppe von Musikern und Roma-Künstlern auf einer Recherchereise am Rande der Wüste in Rajasthan/Indien, als mich über Umwege die Nachricht der Bombenanschläge in Dresden in der Woche vor dem Tag der Deutschen Einheit erreichte. Ich erzählte der Gruppe von den „news from Dresden“. Damian Le Bas, ein Roma-Künstler aus London, der während des RomAmor-Festivals im September 2015 in HELLERAU zu Gast war, kommentierte das mit trockenem englischen Humor: „Dieter, didn’t you say you have news from Dresden?“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis alle den bitteren Witz verstanden hatten.

Was dann am 3. Oktober in Dresden passierte, hat die Stadt erneut als Hauptstadt aggressiv pöbelnder Rechtsradikaler in alle Medien gebracht. Ich frage mich wie viele andere Menschen, wie lange sich die Stadt und das Land Sachsen das noch gefallen lassen können und müssen und wollen. Sogar der sicher nicht als links bekannte Bundesverband der Deutschen Industrie macht sich inzwischen öffentlich Sorgen über das investitionsschädliche Bild der Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland. Und die Polizei wünscht Pegida vor ihrer Demo einen „erfolgreichen Tag“. Auf allen sozialen Netzwerken zu sehen! Wo sind wir hier?

Die Arbeit der Kulturinstitutionen und NGOs für ein weltoffenes Sachsen wird, so empfinden wir es im Moment, zur Sisyphus-Anstrengung. Wenn nur noch Aktivisten und Künstler das Bild einer einladend freundlichen Stadt hochhalten, aber viele politische und exekutive Organe von Stadt und Land resignierend bedauern, wird das Image Dresdens und damit Tourismus und Finanzquellen der Stadt dauerhaft beschädigt. Übrigens geht es nicht nur um das Image, um das sich viele sorgen, sondern darum, dass Fremdenfeindlichkeit nicht zur Normalität werden darf. „No news from Dresden“. Da halten auch wir uns gerne an Zusprüchen wie dem folgenden Facebook-Kommentar eines Mitglieds der Stadtteilinitiative Brücken Schaffen hoch, in der wir aktiv sind: „Danke Euch in HELLERAU und dem festen Kern unserer Initiative für Euer Engagement. Ein Fels in der Brandung, der mich immer wieder bestärkt – im Moment noch mehr! Ein Fels, ohne den ich es nicht aushalten würde...“

Kommen wir zu den News aus HELLERAU: Die Intendanz-Nachfolge ist entschieden: Ab der Spielzeit 2018 / 19 wird Carena Schlewitt, die bislang die Kaserne Basel leitete, die Intendanz in HELLERAU übernehmen. Herzlichen Glückwunsch!

HELLERAU wird unfreiwillig zum Thema großer internationaler Politik: Der türkische Präsident Erdoğan tritt mit der Türkei aus dem EU-Förderprogramm Creative Europe aus, weil aus diesem Programm die HELLERAU-Koproduktion Aghet der Dresdner Sinfoniker über den Genozid an den Armeniern gefördert wurde. Die Renovierung des Ostflügels steht jetzt endlich im Haushaltsplan 2017 /18. Schauen wir mal, ob’s so bleibt. Das wäre ein großartiger, wichtiger und längst überfälliger Schritt nach vorne für HELLERAU.

Eine Stadt, die sich um den Titel der Kulturhauptstadt Europas bewirbt, kann nicht nur mit seinen großartigen Traditionen punkten, sie braucht markante zeitgenössische Kunst und Diskurse, braucht internationale Orte, Interkulturalität, Offenheit für Andere und Neues, für Experimente und Auseinandersetzung. Wir denken, dafür steht HELLERAU! In jedem Monat neu mit einem internationalen wie lokalen Programm, mit selbstverständlicher Weltoffenheit und Neugier an aktuellen, ungewöhnlichen, auch mal abseitig scheinenden notwendigen Diskursen. Kommen Sie, schauen Sie, lassen Sie uns gemeinsam für andere News aus und in Dresden sorgen!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden