Festspielhaus Hellerau

März/April 2016 – Togo

Dieter Jaenicke

Togos Hauptstadt Lomé ist ein Ort von atemberaubender Hässlichkeit, selbst die Strände haben etwas Apokalyptisches – Chaos, unbeschreibliche Ärmlichkeit und unbeschreibliche Freundlichkeit. So prekär alle Lebensumstände hier auch sind, die Armut scheint nicht so restlos aus den Fugen geraten wie in den gigantischen Mega-Cities der Süd-Hemisphäre. Togo ist wahrscheinlich zu klein und zu unbedeutend für die globalen Zerstörungen von Welthandel und Turbo-Kapitalismus. Selbst der Neoliberalismus hat hier scheinbar kaum Halt gemacht und ein touristischer Hotspot ist Togo schon gar nicht. Noch nicht mal Boko Haram und Konsorten interessieren sich für diesen schmalen Landstrich. Aber Togo scheint seine Armut auch ein bisschen mehr in Tradition und alten Respektformen eingebunden zu haben und verhindert so die Auflösung im globalen Werte- Matsch.

Togo und Benin sind das Zentrum der afrikanischen Voodoo-Religionen, Bezugspunkt der brasilianischen Candombles, der kubanischen Santaría-Rituale – für uns interessant, weil wir 2017 ein Projekt über Kunst, Religion und sakrale Musik machen werden. An einem solchen Ort ein Editorial für das HELLERAU-Programmheft zu schreiben hat etwas Absurdes an sich. Probleme und Programme im gut situierten Dresden verkleinern sich vor dem Szenario unglaublicher Überlebenskämpfe zwischen fehlenden Ressourcen, Unfähigkeit von Regierungen, Ignoranz internationaler Organisationen und postkolonialen Spätfolgen. Die Deutsch-Dresdner Absurditäten der Laut-Sprecher des christlichen Abendlandes, der Grenz-Schließer und -Schießer und Alles-Hasser wirken von so einem Ort gesehen noch viel größer.

Zwischen globalen Projekten und lokalen Vernetzungen ist HELLERAU der Ort der möglichen kulturellen Begegnungen, des Zugangs zu anderen Kulturen, des Diskurses, der selbstverständlichen Internationalität und der immer wieder erlebbaren einfachen Erfahrung, dass solche Begegnungen sehr viel Freude und Bereicherung mit sich bringen. Übrigens: Während Länder wie Italien, Großbritannien und auch die Bundesregierung ihre Mittel für die Kultur – nicht ohne Grund – kürzlich aufgestockt haben, wird ausgerechnet in der Landeshauptstadt Dresden mit dem Gedanken gespielt, auch bei Kulturinstitutionen wie HELLERAU die Etats zu kürzen, wo doch gerade an solchen internationalen Orten eine unbezahlbare Integrationsarbeit geleistet wird.

Im April findet der dritte Teil von RomAmoR – der Hommage an die Sinti- und Roma-Kulturen statt: mit Tribute-Konzerten für zwei der prägenden Musiker-Persönlichkeiten der europäischen Roma – die Jazz-Ikone Django Reinhardt und den großen Flamenco- Musiker und Sänger Camarón de la Isla aus Sevilla, der Hochburg der spanischen Roma-Kultur. Mit dem Hamburger Wolkly Rosenberg haben wir dafür einen Kurator und Experten aus der deutschen Roma- und Sinti- Szene gewonnen und mit Jaco Abel einen spanischen Roma-Musiker, der den Flamenco mit der E-Gitarre spielt, als wäre das Jimi Hendrix’ Metier, und der einen Kreis hervorragender Musiker um sich versammelt hat. Dabei sein werden auch prominente Roma-Künstlerinnen wie die katalanische Malerin Lita Cabellut, die Ungarin Tímea Junghaus, die den ersten Roma-Pavillon der Biennale Venedig kuratiert hat, und der dänische Fotograf Joakim Eskildsen, der mit seinen Romareisen viel diskutierte fotografische, dokumentarische und ästhetische Zeichen und Standards gesetzt hat. Der April wird in HELLERAU noch einmal eine echte Hommage an die Sinti- und Roma-Kulturen. Und damit natürlich auch ein Zeichen für Interesse, Toleranz und Respekt für andere Kulturen.

Und wenn die Roma-Musiker ihre Instrumente einpacken, machen sich schon bald die Brasilianer auf den Weg, die ab Mai HELLERAU (und anschließend das HAU Berlin, Kampnagel Hamburg, Mousonturm Frankfurt und das Tanzhaus NRW in Düsseldorf) zum Zentrum der größten Brasilien-Präsentation in Europa in diesem Jahr machen werden. Viel Spaß und interessante Begegnungen!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden