Festspielhaus Hellerau

März/April 2015 – Das Ende der Gemütlichkeit

Dieter Jaenicke

Dass wir vom Europäischen Zentrum der Künste HELLERAU das Angebot gemacht haben, Flüchtlinge bei uns unterzubringen, ist inzwischen bekannt. Ebenso, dass wir uns seit Monaten intensiv in der Organisation der Kulturschaffenden für ein weltoffenes Dresden engagieren. Sollten wir die Möglichkeit bekommen, Flüchtlinge bei uns zu beherbergen, werden wir sie natürlich in unsere kulturelle Arbeit einbeziehen und auch unser Programm zumindest in Teilen auf diese neue Aufgabe einstellen. Vielleicht kann es uns auch in HELLERAU gelingen, ein positives Modell für die Integration von Flüchtlingen zu schaffen. Das wäre eine gute Nachricht und ein positives Zeichen nicht nur nach innen, sondern auch nach außen, für das inzwischen arg ramponierte Bild Dresdens.

Vieles ist mittlerweile gesagt, geschrieben und getan worden. Es wird Zeit, sich aus der deprimierenden Dominanz der schlechten Nachrichten zu lösen. Pegidas Kollateral-Schäden für die Stadt sind nicht zu übersehen, wir könnten zur Abwechslung mal versuchen, über Pegidas Kollateral-Nutzen nachzudenken, auch wenn sich das Phänomen inzwischen möglicherweise selbst den Boden unter den Füßen wegzieht. Als Reaktion auf Pegida hat sich die Zivilgesellschaft Dresdens, von den Vereinen bis zur sogenannten bürgerlichen Mitte, von Kulturschaffenden bis zu Wissenschaft und Wirtschaft, von Parteien bis zu fast allen gesellschaftlich relevanten Gruppen formiert und formuliert. Man könnte sagen, es hat ziemlich lang gedauert, aber es fand und findet statt und das ist ein sehr gutes Zeichen für eine lebendige Stadt, die es leid ist, wieder für rechte Aufläufe herhalten zu müssen.

Mit der nachhaltigen Beschädigung des Ansehens der Stadt Dresden – und zwar weltweit – durch die Demonstrationen, hat sich auch der Blick von innen auf die Stadt verändert: Die oft ätzende Gemütlichkeit geht einfach nicht mehr, die Autosuggestion einer weltoffenen, modernen Stadt ist einer tiefen Verunsicherung gewichen. Das kann sehr produktiv und positiv sein, wenn wir lernen, etwas kritischer, etwas weniger selbstsicher und vielleicht sogar bescheidener mit unserer Stadt und uns selbst als ihren Bürgern umzugehen.

Die Erkenntnis, dass Weltoffenheit eine täglich neue Herausforderung ist, Demokratie nie ein einmal Erreichtes ist, auf dem man es sich gemütlich machen kann, tut uns gut. Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit sind Werte und Qualitäten, die man sich ständig neu erarbeiten muss. Theater, Kultur, kritische Kunst, Internationalität, Auseinandersetzung mit anderen Kulturen sind dabei eklatant wichtig. In Dresden sieht man Kunst und Kultur sehr gerne und oft als das Schöne und Gute, das zur Erbauung dient, zur Bestätigung und Selbstversicherung. Vom kritischen Diskurs der Kunst – deren Freiheit im Grundgesetz nicht von ungefähr genauso geschützt ist wie die Freiheit von Meinung und Presse – von notwendigen Denkanstößen und Provokationen haben wir in Dresden meist viel zu wenig. Vielleicht könnten wir uns jetzt mit der Erkenntnis anfreunden, dass wir mehr davon in dieser Stadt brauchen. Und zu guter Letzt, hat es auch Positives, dass wir seit Wochen mit Vehemenz und Engagement darüber streiten, diskutieren und reden, was Freiheit ist, wie weit Toleranz geht, wieweit Dialog sein muss, ob Rassismus und Fremdenfeindlichkeit allen Ernstes eine Gesprächsgrundlage sein können. Wochenlang verging kaum ein Tag, kaum ein Abend, kaum ein Gespräch und kaum ein Treffen in dieser Stadt, an denen diese Themen nicht verhandelt wurden. Wir haben ausgiebig das 25-jährige Jubiläum der friedlichen Revolution gefeiert, aber vielleicht ein bisschen zu wenig darauf geschaut, was alles schon wieder zu tun ist. Auch friedliche Revolutionen können ihre Kinder fressen. Es bleibt zu hoffen, dass wir mit diesem neuen Diskurs tatsächlich ein wenig reifer, demokratischer, offener und bescheidener werden. Und das wäre ein großer Gewinn für Dresden. Die Gemütlichkeit ist jedenfalls bis auf Weiteres nicht mehr glaubwürdig.

Im Festspielhaus macht uns das nicht so viel aus – für Gemütlichkeit haben wir uns sowieso nicht zuständig gefühlt. Eher für das Gegenteil! Fürs Erste haben wir in unserem März/April-Programm eine Reihe von Veranstaltungen, die sich explizit mit Flüchtlingen und dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen auseinandersetzen: Das MOTUS-Theater aus Italien ist seit Jahren auf dieses Thema spezialisiert und wird erstmals in HELLERAU zwei hochkarätige Stücke vorstellen. Gintersdorfer/Klaßen aus Berlin thematisieren den afrikanisch- europäischen Kultur-Clash und die Medea verarbeitet das Thema seit mehr als 2000 Jahren. In diesem Sinne weiterhin herzlich willkommen in HELLERAU.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden