Festspielhaus Hellerau

März/April 2013 – Zwischenruf

Dieter Jaenicke

Theater-Intendanten sind manchmal so etwas wie die Königsclowns oder Hofnarren in den modernen kommunalen Hierarchien (die Kollegen mögen mir verzeihen, es ist keineswegs despektierlich gemeint, ganz im Gegenteil!). Wie die feudalen Hofnarren können und sollen Intendanten (fast) alles machen, was sie wollen (künstlerisch darf Ihnen sowieso keiner reinreden!), erwartet werden bei allem gewünschten Unterhaltungswert auch kritische Programme und Kommentare, die sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, ihren Unzulänglichkeiten und Unzumutbarkeiten und den darin Herrschenden auseinandersetzen. Zugleich hängen Intendanten aber vom Wohlwollen ihrer „Dienstherren“ ab und sind ihnen zur Loyalität verpflichtet, wie seinerzeit die Hofnarren ihren fürstlichen oder königlichen Potentaten gegenüber. Und hier beginnt der Eiertanz: Wenn man zu zurückhaltend ist, verfehlt man seine berufliche Aufgabe, wenn man zu weit geht, muss man mit politischem Liebesentzug rechnen und der kann ziemlich deprimierende Folgen haben. Was soll man also dergestalt eiertanzend als Intendant zu den Kulturkürzungen in Dresden sagen? Hätte schlimmer kommen können? In Holland sind massenweise Festivals, Kunst- und Kulturzentren geschlossen worden – da geht’s uns doch noch gut?

Oder doch so: Es ist eine besondere Qualität der Kulturszene Dresdens, dass hier statt Konkurrenz und Distanz Kooperation, Abstimmung und Gemeinsamkeit groß geschrieben werden. Die Intendantenrunde (ein echtes Dresdner Unikat, das wir alle sehr schätzen) hat sich zur Solidarität mit den beiden Kulturgroßbaustellen durchgerungen, als mögliche Kürzungen schon drohten.Das war eine ziemliche Leistung. Glückwunsch, dass das letztlich auch politisch umgesetzt wurde. Aber dass am Ende die Großprojekte Kulturpalast und Kulturkraftwerk u.a. auch mit Kürzungen in den Kulturetats bezahlt werden, war damit eigentlich nicht gemeint. Dass wichtige andere Vorhaben, wie z.B. die Baumaßnahmen am Kasernenflügel Ost in HELLERAU oder wenigstens die vorläufige Rettung der Ostflügel-Ruine (an der u.a. auch die Erfolgsaussichten des Weltkulturerbe- Antrags HELLERAU hängen) gar nicht weiter kommen, war damit auch nicht gemeint. Wir werden ja jetzt nicht bis auf weiteres jede kulturelle und künstlerische Weiterentwicklung in Dresden unter ein jahrelanges Palast-und-Kraftwerks- Moratorium stellen können.

Für HELLERAU sind die avisierten Kürzungen in den so genannten Sachkosten besonders hart, weil daraus unser gesamtes künstlerisches Programm bestritten wird. Irgendwo wird es sehr weh tun. TonLagen – Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik wird künftig biennal stattfinden, weil sich bei allen anderen Aufgaben ein jährliches Festival finanziell nicht mehr realisieren lässt. Wo sollen wir nun noch die Schere und den Rotstift ansetzen? Trotzdem, wir machen natürlich weiter und haben auch für März/April wieder ein Programm mit jeder Menge wunderbarer Highlights „gezaubert“.

Es gibt eine neue Ausgabe des Szene- Europa-Festivals, das wir gemeinsam mit dem Societaetstheater veranstalten – diesmal mit Schwerpunkt England; wir beginnen unsere Tanzerbe-Reihe mit Pedro Pauwels, haben She She Pop und Anton Lachky von Les SlovaKs zu Gast und wir gratulieren gleich zweimal zum 20. Geburtstag: Derevo, in HELLERAU heimisches Tanztheater Dresden- St. Petersburg, und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die ebenfalls in HELLERAU heimisch ist und ohne die viele Projekte in HELLERAU nicht möglich wären. Viel Spaß und bleiben Sie uns treu!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden