Festspielhaus Hellerau

Jan/Feb 2016 – Zeichen setzen

Dieter Jaenicke

Wir gehen nicht gerade mit den allerbesten Gefühlen in das Jahr 2016. In seinem Umgang mit geflüchteten Menschen hat Europa als ernstzunehmende Wertegemeinschaft seine Glaubwürdigkeit verloren, die Gesellschaft ist tief gespalten über die Zukunft des Landes, die Stadt Dresden hat weltweit Entsetzen und Abscheu ausgelöst. Wie konnten wir es zulassen, dass sie von Pegida und Co. zur Hauptstadt des rechtsextremen Widerstandes erklärt wurde?! Wie konnte es sein, dass am 9. November, dem Gedenktag für die Opfer der Pogrome des Nazi-Reichs, die Straßen und Plätze der Stadt wieder für Hass und Ausgrenzung freigegeben wurden? Wie ertragen wir jeden weiteren Montag, dass wir unseren ausländischen Freunden und Gästen sagen müssen, bleibt besser zuhause? Warum wird ständig an Asylgesetzgebungen herumgebastelt, aber nicht an Gesetzgebungen, um uns vor dem rechten Hass zu schützen? Wie werden wir dieses Jahr den 13. Februar begehen?

So katastrophal die Zerstörung der Stadt Dresden war, so schwer der vieltausendfache Verlust an Menschenleben wiegt; auch dieses Ereignis war eines unter vielen, war ein Teil des von Deutschland begonnenen Krieges, der Millionen Opfer in zahllosen Ländern gefordert hat. Und die Frage muss erlaubt sein: Hat nicht gerade das jahrelange Herauskehren und Zelebrieren der Rolle als unschuldiges Opfer Dresden erst attraktiv gemacht für die versammelte europäische Rechte? Wie also wollen wir in diesem Jahr den 13. Februar in einer Stadt begehen, die von Rechtsradikalen und Antidemokraten zur Hauptstadt des Widerstands erklärt wird?

Zeichen setzen: Mit einem solchen Zeichen beginnen HELLERAU und die Frauenkirche Dresden gemeinsam das Jahr, widmen den 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, vor allem dem Gedenken an die Roma und Sinti mit dem Requiem für Auschwitz des Roma-Komponisten Roger ‚Moreno‘ Rathgeb, gemeinsam musiziert von den Roma und Sinti Philharmonikern Frankfurt und dem Universitätschor Dresden.

Zeichen setzen: 2016 wird HELLERAU im April mit einem zweiten großen RomAmoR- Festival seine Hommage an die Kulturen der Roma und Sinti fortsetzen.

Zeichen setzen: Im Mai/Juni 2016 werden wir gemeinsam mit unseren Partner-Zentren in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg Kunst und Widerstand in Brasilien vorstellen, beim Festival Brasilianische Alternativen. Zum ersten Mal schließen sich dazu fünf der großen internationalen Produktionszentren für zeitgenössische Performing Arts in Deutschland zu einem gemeinsamen Programm zusammen – auch das ist ein Zeichen!

Zeichen setzen: die Unterbringung von Flüchtlingen in HELLERAU, unsere aktive Rolle im Zusammenschluss der Kulturschaffenden für ein weltoffenes Dresden, die bundesweite Vernetzung mit anderen Kulturinstitutionen, die Flüchtlinge unterbringen und aktiv in ihre Arbeit einbeziehen, der Golgi Park als Treffpunkt von Geflüchteten, Anwohnern und Aktivisten – HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste übernimmt weiter Verantwortung, mischt sich ein, bezieht Position.

Zeichen setzen: Kids on Stage, das mit vielen Preisen bedachte HELLERAUer Festival für und von Kindern und Jugendlichen wird 2016 neben seinen lokalen und regionalen Projekten erstmals in Kooperation mit der UNESCO auch internationale Arbeiten vorstellen, Projekte von Jugendlichen aus Brasilien, Kolumbien und Ghana, die mit ganz anderen Problemen zu kämpfen haben, als sie hier vorstellbar sind. Kids on Stage ist damit auch eine Begegnung mit Gleichaltrigen aus ganz anderen Kulturen und Lebenskontexten.

Ein Zeichen kam auch vom Bund: HELLERAU wird gemeinsam mit den sechs anderen großen internationalen Produktionszentren für darstellende Künste in Deutschland ab 2016 für drei Jahre eine Bundesförderung erhalten. Insgesamt 12 Mio € werden für die Zentren vom Bund zur Verfügung gestellt – ein Zeichen der Wertschätzung der Kompetenz und der Arbeit, die diese Zentren seit Jahren leisten. Dass HELLERAU als einziges Zentrum in den neuen Bundesländern dazu gehört, verstehen wir als Anerkennung und Herausforderung.

Zeichen setzen: 2016 ist vom Dachverband Tanz, in dem auch HELLERAU Mitglied ist, zum Tanzjahr Deutschland 2016 ausgerufen worden: „Tanz ... führt zusammen, setzt uns und unsere Gesellschaft in Bewegung. Er fordert uns auf Stillstand zu überwinden, Sichtweisen zu ändern, neue Wege zu suchen...“ Für kaum ein Haus gilt das so sehr wie für HELLERAU, wo der Tanz im Fokus der künstlerischen Pogrammatik steht. Und Tanz wird es 2016 wieder genug und auf höchstem internationalen Niveau bei uns zu sehen geben.

Vielleicht bringen wir ja 2016 die Verhältnisse ein bisschen zum Tanzen: auf dem Vulkan, on the streets, auf der Bühne. Mit den besten Wünschen für ein besseres 2016!

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden