Festspielhaus Hellerau

Jan/Feb 2014 – Take a walk on the wild side

Dieter Jaenicke

Am 31.10.2013 gab es eine kleine, kaum bemerkte, nirgends kommentierte ZEITenwende: die ZEIT - seit Jahrzehnten das deutsche Zentralorgan der Hochkultur - widmete dem Tod der Rocklegende Lou Reed einen großen Kommentar auf der Titelseite. Du meine Güte: Rockmusik auf dem Titel der ZEIT – jahrzehntelang hatte das Blatt die Rockmusik als weit unter seiner kulturellen Würde ignoriert – und jetzt dies – am Ende der Ära, kurz vor dem Ableben der letzten Rockgrößen hat es auch die ZEIT erkannt. Immerhin! Ich hätte ihn gerne noch eingeladen nach HELLERAU: Lou Reed, den dreckigen Rocker, den immer unangepassten, den ewig patzig wortkargen Rock-Punker mit Texten wie Annie Leibolds Fotos, Lebensgefährte von Laurie Anderson. Sie immerhin war schon hier.

Eine weitere kleine Zeitenwende fand im Oktober beim 1. Dresdner Bandstand in HELLERAU statt. Falk Ulshöfer vom Rockduo Naked Hands begrüßte das Publikum sarkastisch-fröhlich im „Tempel der Hochkultur“ und fühlte sich offensichtlich sehr wohl dabei. Und die Frontfrau von Traveler’s Diary fand HELLERAU,“ einen Ort, and dem sie noch nie war und über den sie total erstaunt ist“, eine „supercoole Location“. Ich konnte - inzwischen ziemlich verbunden mit dem viel zitieren „spirit“ von HELLERAU -, Dalcroze und Tessenow hörbar pikiert sich im Grabe räuspern hören (oder irgendwo in verdient höheren Sphären, wenn schon nicht mehr der Kultur, so doch der Transzendenz oder eben im Himmel). So hatten die Herren Dalcroze und Tessenow sich das nicht wirklich vorgestellt (but who knows?). HELLERAU goes Rock n’ Roll. Na endlich. Auch das wurde ja langsam „Zeit“. War gar nicht so einfach im eigenen Team durchzusetzen, geschweige denn in der „Szene“.

Nach fünf Jahren mit einem neuen Team und neuen Ideen für dieses Haus haben wir vielleicht ein paar wesentliche programmatische Dinge geschafft und können anfangen, den guten alten Kasten HELLERAU auf die Startbahn in die Zukunft zu schieben. Wir sind zwar an der Peripherie der Stadt, dafür aber ein bisschen näher am Flughafen. Und wir wollen nach wie vor hoch hinaus, aber statt mit den Kategorien von Hoch- und Tiefkultur halten wir es eher mit innovativ und urban, zu deutsch: Neustadt. Und noch eine klitzekleine Wende: zum ersten Mal sind gleich zwei Vertreter der Tanzszene aus dem Osten in die top-50-Liste der besten Freien Tanzkompanien Deutschlands aufgenommen worden: Herman Heisig und Johanna Roggan. Beide produzieren in HELLERAU. Wie gesagt, wir schieben uns ja gerade mal in Richtung Startbahn, oder wie Johanna sagte: „Der Osten kommt. Ganz bestimmt!“ In diesem Sinne, ein wunderschönes Neues Jahr 2014 – am schönsten natürlich bei uns. Anschnallen und los.

Dieter Jaenicke

ps 1: Trotz Wende zum Rock n’ Roll: Gerüchte, dass Mick Jagger demnächst bei uns auftritt, bloß weil ich in Radjasthan mit ihm getanzt habe, sind leider definitiv falsch.
ps 2: Die Frage, was zum Teufel Jaenicke in Radjasthan macht und wieso er mit Mick Jagger tanzt, erkläre ich ein anderes Mal.
ps 3: Und Gerüchte, die TonLagen würden jetzt ein Rock-Festival werden, sind (leider?) auch (noch!) nicht wahr.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden