Festspielhaus Hellerau

Aug–Okt 2017 – Rekonstruktion der Zukunft

Dieter Jaenicke

Liebes Publikum,

die letzte Spielzeit des HELLERAU-Teams wird es noch einmal in sich haben. Das HELLERAUer Erfolgsformat Floor on Fire – Battle of Styles tourt mittlerweile an vielen Orten in Europa, jüngst zur Eröffnung des renommierten Pariser Festival d’Été, und eröffnet die neue Saison. Gleich am nächsten Wochenende bespielt ein kleines Festival der go plastic company das Festspielhaus und das angrenzende Gelände, präsentiert die Komponistenklasse Dresden ihr Jahreskonzert, ist der Golgi Park Teil der Offenen Gärten Hellerau, zeigt die iranische Regisseurin Ramshid Rashidpour ihr Theater der Unterdrückten – ein Wochenende, so bunt und vielseitig und hoffentlich überraschend, wie HELLERAU immer wieder sein will und wird. Eine neue Aufführungsserie der Dresden Frankfurt Dance Company, die Konzerte von Dienstagssalon und Feature Ring und unsere Kinder-Mitmachreihe KiWi komplettieren den Spielzeitauftakt ebenso wie ein Konzert zum 25jährigen Bestehen des Landesjugendorchesters Sachsen mit dem vielversprechenden Titel Tolerantia – ein musikalisches Plädoyer.

Schon jetzt möchte ich Sie auf eines der ambitioniertesten Vorhaben unserer HELLERAU-Zeit aufmerksam machen: das Projekt Rekonstruktion der Zukunft. Vor über 100 Jahren haben der Architekt Heinrich Tessenow, der Bühnenbauer Adolphe Appia, der Lichtkünstler Alexander von Salzmann und der Rhythmiker Èmile Jaques-Dalcroze mit dem Festspielhaus und seiner Bühne einen für die Moderne des 20. Jahrhunderts prägenden Bühnenraum und Spielort geschaffen. Das Projekt Rekonstruktion der Zukunft konzentriert sich, anders als die meisten Auseinandersetzungen mit der Geschichte des Festspielhauses, auf Appia und von Salzmann, den Schöpfern des genialen Bühnen- und Lichtraumes, der zu einem neuen Verständnis der darstellenden Künste des 20. Jahrhunderts führte. Das „schattenfreie Licht“, das „Theater ohne Fluchtpunkt“ sind zu Standardbegriffen der Theaterwissenschaft und der Bühnenkunst geworden. Giganten des modernen Theaters wie Max Reinhardt, Peter Brook und Robert Wilson sind von dieser Bühne beeinflusst und inspiriert worden. Aber kein lebender Mensch hat diese Bühne jemals im Original gesehen.

Wir haben unser Programmkonzept für HELLERAU nicht im luftleeren Raum erfunden, sondern aus der Geschichte des Hauses entwickelt, das – wenn es nicht gerade für Polizisten oder Soldaten zweckentfremdet wurde – immer ein Haus für die Bewegung, für den Tanz und für die Utopie und das Experiment war. Es war immer unser Wunsch, den legendären Bühnen- und Lichtraum noch einmal zu rekonstruieren. Durch ein einmaliges gemeinschaftliches Fördermodell der Beauftragten für Kultur und Medien, der Kulturstiftung des Bundes, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, dem Sächsischen Innenministerium und der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen ist dies nun möglich geworden.

Das Projekt ist aber nicht nur ein Blick zurück in die Geschichte des Hauses, sondern mit dem performativen Ausloten der Potentiale des Raumes ein konsequenter Blick in die Zukunft. Kein Geringerer als Robert Wilson wird mit einer Lecture Performance Rekonstruktion der Zukunft eröffnen, Choreografien u. a. von William Forsythe, Constanza Macras, Richard Siegal, Frédéric Flamand werden den Bühnenraum dekonstruieren und neu interpretieren. Ausstellungen, die erstmals Originalzeichnungen von Appia in Deutschland präsentieren und die historische Bedeutung der Utopie HELLERAUs aufzeigen, hochkarätige Panels und wissenschaftliche Vorträge werden das Projekt begleiten. Rekonstruktion der Zukunft ist zugleich eine Auftaktveranstaltung zum 100-jährigen Jubiläum des Bauhauses 2019. Denn in Hellerau trafen sich noch vor der Bauhaus-Zeit die großen Architekten Le Corbusier, Mies van der Rohe, Gropius, Muthesius, nicht zuletzt Tessenow und Riemerschmid. Wir laden Sie ein, mit uns einen Blick in die außergewöhnliche Geschichte und Utopie HELLERAUs und damit in die Zukunftspotentiale und die Bedeutung dieses einmaligen Ortes zu tun.

Dieter Jaenicke

Europäisches Zentrum der Künste Dresden