Festspielhaus Hellerau

Brutale Härte und epische Schönheit

Dieter Jaenicke zur Uraufführung von Venezuela der Batsheva Dance Company:

„Das Stück endet ebenso abrupt, wie es beginnt. Der Tanz bricht unvermittelt in den Theater-Smalltalk ein und entlässt am Ende genauso unvermittelt in eine verstörende Stille. Was sich in den 80 Minuten dazwischen abspielt, ist ein Wechselspiel von brutaler Härte und epischer Schönheit, eine einzige Ode an die Kraft des Tanzes und seine ungeklärte Komplizenschaft mit der Musik, ein Tanzstück wie ein dreckiges Gebet, ein Stück über Macht und Unterwerfung und – bei aller Brillanz der männlichen Tänzer – ein schmerzhaft-schön zelebriertes Ritual weiblicher Kraft.

Venezuela ist, als blättere man mithilfe des Tanzes mal eben durch das Alte Testament; es karikiert in einer der zentralen Szenen nationalistische Exzesse mit einer Choreografie, die an Masseninszenierungen totalitärer Regime erinnert. Venezuela erzählt 1000 Geschichten und lässt sich auf keine festlegen.

Der Choreograf Ohad Naharin hat in den letzten Jahren mehrfach mit verschiedenen Dopplungseffekten gearbeitet, er ließ ein Stück einmal von Männern, einmal von Frauen tanzen. Auch in Venezuela gibt es einen überraschenden Dopplungseffekt, der viel über das Verhältnis von Tanz und Musik sagt – eine weitere Ebene, auf der dieses Tanzstück erzählt wird.

Als ich im Suzanne Dellal Center von Tel Aviv aus Venezuela kam, war ich wie benommen, wie im Rausch. Naharins neuestes Werk hat eindeutig Suchtpotential und wer die Fülle der Details dieser Choreografie auch nur annähernd aufnehmen möchte, sollte sich besser gleich Tickets für zwei Abende kaufen.

Warum Venezuela so heißt, weiß ich noch immer nicht: Vielleicht als Parabel auf das gigantische Versagen einer pervertierten Utopie, vielleicht weil Hugo Chavez die bitter-clowneske Blaupause für das zynische Machttheater der Trumps und Putins und Erdoğans, der Saddats und Netanjahus dieser Welt geliefert hat? Ohad Naharin liebt diese Zweifel, mit denen er uns unkommentiert uns selbst überlässt und gewinnt seine größte inhaltliche Schärfe im Ungewissen.

Pina Bausch hat inzwischen ihren Platz in der Tanzgeschichte eingenommen, William Forsythe haben wir noch immer im Kopf, Ohad Naharin hat spätestens mit dem Film „Gaga“ und dem Stück Venezuela den Platz als bedeutendster Choreograf der Gegenwart eingenommen.

Ich bin stolz, dass HELLERAU als Koproduzent die internationale Premiere dieses Ausnahmestücks präsentieren darf. Es wird ein würdiger Abschluss und Höhepunkt einer bewegenden Spielzeit sein und ein Meilenstein in der an Meilensteinen nicht eben armen über 100-jährigen Tanzgeschichte des Festspielhauses.“

Dieter Jaenicke am 18.05.2017 aus Tel Aviv

Venezuela ist als Europäische Erstaufführung vom 25. bis 27. Juni in HELLERAU zu sehen.

Europäisches Zentrum der Künste Dresden